Eine kleine Chronik & Beschreibung unseres Dorfes Krebshagen

Krebshagen liegt an der Nordseite des Bückeberges und ca. 2 km südlich der Stadt Stadthagen bzw. ca. 40 km westlich Hannover. Heute ist Krebshagen ein Ortsteil von Stadthagen (eingemeindet), gilt aber als besondere Kulturlandschaft !

Krebshagen nimmt mit nur wenigen anderen Dörfern eine Sonderstellung in Deutschland ein : (Alt-)Krebshagen ist eines der letzten typischen HAGENHUFEN-Dörfer in Deutschland, das sich der Versiedelung ein gutes Stück erwehrt hat! Hagendörfer sind langgestreckte Dörfer, die durch Ansiedlungen an einem Weg entlang entstanden sind. So liegen die alten Gehöfte in Krebshagen durchweg an einer Straßenseite. Hinter den Anwesen verläuft meistens ein Bach, hier in Krebshagen der Krebshäger Bach, amtlich der "Krumme Bach", der früher zur Trinkwasser- und (auch heute noch teilweise) zur Brauchwasserversorgung insbesondere auch für das Vieh diente. Die zugehörigen Ländereien, die HUFEN, liegen beiderseits der Straße vor und hinter den Höfen.

Die Bauernhäuser baute man als Niederdeutsche Hallenhäuser mit großer Dieleneinfahrt (Dielentür)(s.Bildergalerie) und abschließendem Wohnteil. Dadurch war es möglich, mit den Erntewagen in die Häuser zu fahren um dann durch die Dachluke Stroh, Heu, Getreide usw. auf den Boden ("Böhne") zu bringen. Oftmals konnte man auch auf der anderen Seite des Hauses wieder hinausfahren. Rechts und/oder links neben der Diele waren oft die Ställe für das Vieh angeordnet. Das brachte im Winter Wärme ins Haus.

An den Giebelseiten sind die Dächer als Halbwalm ("Ham") heruntergezogen und weisen die für das Schaumburger Land typische Rundungen (Rundgiebel) auf (siehe Bildergalerie, Bild 1 und 8).

Krebshagen ist nach alten Aufzeichnungen durch Rodungen bereits vor 1319 entstanden ( Wendthagen bzw. in alter Zeit auch "Wenethage", unser Nachbardorf, ist um 1200 entstanden. Es wird vermutet, dass Wendthagen ausgehend vom Bruchhof, die wohl absolut älteste Siedlung in unserer Umgebung, gegründet wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Erstbegründung von Krebshagen auch zu dieser Zeit, also vor 1319, stattfand.) Einzelnen Siedlern wurden damals Flächen zur Urbarmachung zugewiesen. Der Name unseres Dorfes hat sich im Laufe der Zeit verändert: Um 1319 schrieb man "Cropeshagen", 1382 "Crepeshagen", 1410 "Crepeshaghen", 1457 "Krepeshagen", 1550 "Krepshagenn", 1608 wieder "Krepeshagen", 1671 "Kreibshagen", 1696 "Krepshagen" und heute "Krebshagen". Die Entstehung des Ortsnamens lässt den Laien vermuten, dass evtl. der Flusskrebs der Namensgeber war. Tatsächlich berichtete mein Vater davon, dass die Krebshäger Bäche noch 1930 viele Krebse beherbergten, die man mit Lust fing. Jedoch: Alle anderen Bückeberg-Bäche (bzw. Waldbäche mit bestem Wasser) besaßen genauso viel oder gar mehr Krebse. Warum sollte der erste Siedler seiner Siedlung einen so unbedeutenden Namen geben? Nein. Nach meinen Recherchen ist dem ersten Siedler in unserem Dorf der Name "Krebshagen" zu verdanken: Wie gesagt: Krebshagen hat sicher nichts mit "Krebsen" zu tun, sondern wohl mit dem damaligen Ersteinwohner: So finden sich in alten Aufzeichnungen neben der Bezeichnung "Krebshagen" auch die Bezeichnungen "Crepeshagen" und "Krepeshagen". "Krebs" ist in der spätmittelalterlichen Zeit eine Bezeichnung für "Rüstung" bzw. "Panzer" (Im ausgehenden 13. Jahrhundert gab es eine neue "high-tech" -Möglichkeit sich im Kampf zu schützen: Den (neuen) "Krebs"! Er bestand nicht wie bisher aus dicken, mehrlagigen Leinen, Leder oder aus Kettenglieder, sondern aus Metallplatten, die durch Riemen und Haken miteinander verbunden waren. Also die klassische Ritterrüstung. Ritterrüstungen waren nun nicht "alltäglich" wie heute oft vermutet wird, sondern sie waren fast ausschließlich sehr teure Einzelanfertigungen. So hatten gute Rüstungen eine "Knautschzone" (sie lagen nur an Schulter und Hüfte an), um die Aufprallwucht abzufedern, wie heute ein moderner PkW) Der Preis einer guten Rüstung inkl. Waffen (meist Schwert und Lanze) konnte dem Wert eines Bauernhofes mit ca. 30 Kühen entsprechen. Für nicht so Betugte, z.B. Fußknechte, besser gestellte Bauern usw., gab es als Körperpanzerung den einfachen Krebs: Das war ein Brustharnisch aus Vorder- und Rückenteil. Diese wurden als Massenware in mehreren Standartgrößen angefertigt und waren dementsprechend billiger. Siehe auch: "Krebs der Gerechtigkeit" Luthers). Viele Kriegsleute führten diese Bezeichnung oft als Beinamen, denn der Namensbestandteil "Krebs" wies auf Beziehungen, Einfluss und Reichtum hin. Manchmal behielten selbst die Nachkommen diesen Beinamen, sogar als eigentlichen Hausnamen. Es ist als zu vermuten, das nicht kleine, unbedeutende Flusskrebse Namensgeber waren, sondern ein verdienter Neugründer, der Besitzer eines hoch geachteten und wertvollen "Krebs" war.

Die einzelnen Hagendörfer hatten untereinander keine oder nur sehr schlechte Wegverbindungen. Zum Schutze gegen Überfälle legten die Dörfer und auch einzelne Höfe hohe Dornenhecken oder geflochtene Zäune (= Hagen) an.

Die Krebshäger hatten als Bewohner eines Hagendorfes im Gegensatz zu den Leibeigenen besondere Freiheiten und Vorrechte, so "......brauchten sie teilweise weniger Zinskorn zu geben und konnten ohne Freibriefe zu lösen, gehen wohin sie wollten".

Natürlich gab es über die Jahrhunderte jede Menge Willkür und Vorschriften des jeweiligen Landesherren, die auch die Hagendörfer nicht verschonten:

  • So wurde um 1730 verboten, dass Knechte und Mägde die vom Dienstherren bekommene "überflüssige" Speise (Brot, Speck, Butter..) in Wirtshäusern verkauften. Bei Zuwiderhandlungen wurden harte Strafen verhängt, so z.B. das stundenlange Stehen am Schandpfahl.
  • Um die gleiche Zeit wurden auch die Gelage bei Begräbnissen verboten: "Nicht nur den Trägern, sondern dem ganzen Gefolge wurde so reichlich Bier und Branntwein gereicht, dass bei der Prozession und auch in der Kirche (Kirche Sülbeck) allerhand Unordnung und Skandal entstand."

Die Einwohnerzahlen von Krebshagen sind erst seit ca. 1620 bekannt:

        Wohnstätten:


        1620 = 28         1786 = 32         1910 = 76

        Einwohner (für 1620 sind 6 Personen pro Wohnstätte gerechnet):

        1620 = 168         1786 = 188         1910 = 506         1999 = 454
        ANNO             1620:           1786:

        Meierhöfe:          4;                4
        Halbmeier:       12;                6
        Großköter:         3;                0
        Köter:                 0;                6
        Kleinköter:         2;                5
        Brinksitzer:        7;              11

Die krebshäger Landschaft weist eine weitere Besonderheit auf: Im oberen Teil des Dorfes fällt die Landschaft durch verschieden große mit Birken bestandene Hügel auf, die im Abstand von 90 bis 200 oder mehr Metern in der Landschaft verteilt sind (siehe Bildergalerie, Bilder 17 - 22).
Diese Bergehaufen (Bergehalden) sind Ablagerungen von Berge (Abraum aus dem frühen Bergbau), die bei der Steinkohleförderung entstanden sind. Diese Bergehaufen waren früher ein großes Ärgernis, weil den Besitzern der Ländereien durch die Aufschüttungen Ackerland verloren ging. Da damals nach geltendem Bergrecht die Steinkohle dem Landesfürsten gehörte (heute dem Staat), mussten sich die Bauern die Aufschüttung der Bergehalden gefallen lassen. Aus diesem Grunde nennt man sie auch manchmal "Kummerhaufen", also genauso, wie die kleinen Gesteinshaufen am Rande der Felder, die durch das Absuchen ("Abkummern") der Felder entstanden sind. Es ist leider auch von einem heftigen Streit um einen Bergehaufen zu berichten, der damals für einen der Beteiligten tödlich endete.

Diese Bergehaufen entstanden in früher Zeit, die ersten wahrscheinlich schon vor 300 bis 400 Jahren.

Da die Kohle hier in geringer Tiefe lag, schaffte man sich Einstiegslöcher (Schächte), in denen man auf Holzleitern hinunterstieg. Der Abraum und die Kohle wurde mit Hilfe von Holzwinden (Haspeln) und Muskelkraft nach oben befördert. Doch hatte man eine kleine Strecke einen waagerecht Stollen gehauen, so musste man wegen Sauerstoffmangel wieder einen Schacht nach unten treiben (abteufen). Dort förderte man wiederum die Kohlen und die Berge nach oben, worauf dort ein neuer Bergehaufen entstand. So entstand ein engmaschiges Netz aus Hügeln, die in der Gemarkung Krebshagen besonders gut zu überblicken sind. Heute sind sie zumeist mit Birken dicht bewachsen.

Meine Großmutter, Wilhelmine Lohrmann, 1896 - 1986, erzählte mir, dass schließlich ein "Maschinenschacht" gebaut wurde, der nun für Frischluft sorgte. Dadurch konnten die Knappen (Bergleute) auch längere Strecken unter Tage treiben. Der Maschinenschacht war dort, wo heute die größte Bergehalde in der Gemarkung Krebshagen zu sehen ist (nord-östlich der Kreisstraße). Die Gebäude sind längst nicht mehr da, vielleicht würde man beim Graben noch einige Fundamentreste finden.

Es ist auch von einem Bauer Hasse zu berichten, der hier in Krebshagen bis zu 60 Pferde für den Bergbau hielt. Die Pferde mussten unter Tage die Loren (Teckel) ziehen. Weil das Ein- und Ausfahren der Tiere sehr aufwendig war, kamen die Pferde oft wochenlang nicht ans Tageslicht, so dass sie manchmal erblindeten. Wenn die Tiere dann doch einmal ausgetauscht werden mussten, wurden die Pferde meist von jungen Knappen geführt, die, so erzählte mir meine Großmutter, oft in wildem Galopp die Straße entlang ritten. So mancher Fußgänger, der dort ging, konnte sich nur durch einen Sprung in den Graben retten.

Zwei Mühlen gab es in Krebshagen: Eine Sägemühle und eine Wassermühle. Die Sägemühle wird schon 1620 erwähnt. Die Wassermühle wurde 1870 erbaut und war bis 1969 in Betrieb. Dort wurde Korn zu Mehl gemahlen und Korn zur Viehfütterung geschrotet. Anfänglich wurde dort auch Brot gebacken und verkauft. Auf dem Hof der Mühle war auch ein Lohndreschunternehmen. In der Erntezeit war dort ein reges Treiben: In langen Reihen standen dort die Pferdewagen: Fuder um Fuder wurde das Korn gedroschen.

Diese Mühle existiert heute noch (s. Bildergalerie) und wird durch einen Verein restauriert. Von Zeit zu Zeit sind dort auch Mühlenführungen. Manchmal wird auch das Dreschen mit einer alten riemenangetriebenen Dreschmaschine vorgeführt. Die Vorführzeiten sind beim Wassermühle Krebshagen e.V., Tel.: 05721/71939 zu erfragen.

Die privaten Mühlen nannte man früher "Klippmühlen". Die Klippmüller durften außer für Auswärtige und die direkten Nachbarn nur dann mahlen, wenn die herrschaftliche Mühle z.B. wegen Wassermangel, das Korn nicht in zwei Tagen mahlen konnte. Der Müller durfte als Mahllohn einen Teil des gelieferten Korns für sich matten (nehmen). Zum Abmessen durfte nur das behördliche Maß, das Mattkopp benutzt werden. Es beträgt ca. 1/16 vom Bückeburger Himten (ca.2 l).

In Krebshagen gab es zwei sogenannte Freihöfe. Sie hatten besondere Rechte. Der Hof Nr.1 war von 1776 an im Besitz eines Oberst Von Oheimb und mit adeligen Freiheiten ausgestattet. 1862 kaufte ihn der Kirchenrat Georg Zaretzky aus Probsthagen für seinen Sohn Landwirt Wilhelm Zaretzky. Auch heute noch ist der Hof im Besitz der Familie.

Der Hof Nr.4 musste, weil er abgewirtschaftet war, auf Veranlassung des Grafen Philipp dem Landeshauptmann Malaspina, der aus einem italienischen Adelsgeschlecht abstammte, übergeben werden. Später kaufte ihn der Ziegeleibesitzer Möller, heute ist der Hof wieder im adeligen Besitz (von Issendorf) (s. Bildergalerie).

Viele schreckliche und schwere Zeiten mussten die Krebshäger durchstehen! Da war der 30-jährige Krieg, der 1623 nach Krebshagen hereinbrach. Oft versteckten sich die Einwohner mit ihrem Vieh im Bückeberg aber auf Dauer konnten sie sich den Plünderungen und Brandschatzungen nicht entziehen. Im Jahr 1627 schreibt man:" Das Dorf ist so sehr durch die stündlichen Durchzüge abgemattet, als es dies Jah weder Mühlenschatze, Landzinsen noch Mahlschweingeld und Dienstgeld entrichten kann." ...Obernwöhren, Krebshagen, Wendthagen, Ehlen..... waren gantz ruiniert". "Das Ihrige war von Räubern und Marodeurs ihrer Nahrung und ihres Vermögens beraubt, als das kein Tier mehr vorhanden war. Ihre unbestellten Äcker trugen Blumen....."

Zu allem Übel wurde diese Gegend 1638 auch noch von einer Mäuseplage heimgesucht. So wurde gemeldet, " dass der Herr über das Amt eine sonderbare Strafe verhängt hat, indem die Feldmäuse alles Korn zerschneiden und auffressen........denn bei Menschenleben ist eine solche Verheerung nicht gewesen, und die Angaben der Schäden sind unter Tränen gemacht"

Wenn man zudem bedenkt, wieviel Leid die Menschen auch noch durch den "Schwarzen Tod", durch die Pest erleiden mussten (insbesondere Kinder und Alte fielen der Pest zum Opfer, manchmal starb aber nahezu die gesamte Dorfbevölkerung aus), so erscheint die Leidensfähigkeit der Menschen grenzenlos!

Freuen wir uns an der Gnade der späten Geburt !

Liebe Leser, Kritik, Anregungen, Ergänzungen bitte an lohrmann.stadthagen@freenet.de
Vielen Dank im voraus!

R. Lohrmann, Krebshagen, 2005

  weiterführende Links
Krebshagen 1749 Krebshagen im Jahr 1749